R 1083   U 959 

Beschreibung der Greifswalder Oie, auch Greifswaldsche Oie genannt, die im Juli 1694 vermessen wurde.1 

Man nennt diese Insel die Greifswalder Oie, weil sie von alters her zu Greifswald gehört hat. Der damalige Feldherr Wrangel2  soll sie der Stadt abgegekauft haben. Außerdem nennt man sie auf holländischen Seekarten auch Eiland, was nichts anderes als Insel bedeutet. Ihre Lage ist zwei Meilen in der Ostsee von Peenemünde, sowie eine Meile Ost zu Nord von Ruden abgelegen. Und sie ist 24, 20, 19 bis 18 Ellen steil über dem Wasser hochgelegen. Bei schwerem Sturmwetter und Fluten leidet sie großen Schaden. Man kann sich erinnern, dass sie viel größer gewesen ist und täglich in den obengenannten Fällen verkleinert wird. In herzoglichen Zeiten3  soll hier in Karkwik eine Kirche gestanden haben, nun ist es ihr Ackerfeld und hat seinen Namen danach. Diese Kirche ist für Fischer eingerichtet gewesen, die damals hier ihre Zuflucht fanden. In der Zeit, als die Fischerei sich behauptet hat, hatten sie ihren eigenen Pastor bei sich. Aber sonst soll hier niemand gewohnt haben, sondern es waren nur einige Fischerhütten errichtet und das Land der Herzöge4  soll Pferdeweide gewesen sein. Zu der Zeit soll es geschehen sein, dass niemand auf der Insel gewesen ist und nach den Pferden gesehen hat, was ihnen auch nicht oblag, da sie gut aufgehoben waren. Aber die Pferde hatten den Riegel der Kirchentür herausgeschoben und gelangten auf solche Weise hinein. Da das Kirchendach durch das Alter marode geworden war, fiel es herab und erschlug einen großen Teil der herzoglichen Pferde.  R 1084  Nach dieser Zeit soll hier keine Kirche mehr aufgebaut worden sein. Zunächst war diese Insel als Weide ausersehen, bis sie in den Besitz der Stadt Greifswald kam. Diese ließ hier nach und nach zwei bis drei und mehr Einwohner hinziehen. Sie wurde dem damaligen Feldherren Wrangel übertragen, der hier allerhand Wildtiere hinbringen ließ und einen Einwohner bestimmte, der die alleinige Aufsicht haben sollte. Als die Tiere hier nicht gedeihen wollten, sondern das eine nach dem anderen starb, da ließ man die jetzigen Einwohner einsetzen, die zu dem Erben5  des verstorbenen Herrn von Spyker auf Rügen gehören, die früher auch Wrangelsburg6  besessen haben. Dorthin muss jeder jährlich zwölfeinhalb Rthl Jahrgeld7  geben und alle drei zusammen geben zehn getrocknete Lachse. Jedes Haus gibt anderthalb Rthl Kopfgeld8 , jeder Bauer gibt alle Vierteljahr 14 lß Akzise9  das sind alle ihre Ausgaben. Sie gehen nach Kröslin10  zur Kirche und geben ihrem Pastor einen Ungewißheitspfennig. 11  Da es für sie hinderlich ist, dass sie so weit vom Festland abgelegen sind und in manchen Wintern nicht ein Mal zur Kirche kommen können. Denn manchmal bricht das Eis nicht, noch trägt es, und mitunter ist ein solches Unwetter, dass sich keiner auf die See hinauswagt.

Einwohner

1  Jocom Bartelt
2  Martin Foale
3  Kristian Karchen.

 R 1085   U 960 

Arealausrechnung der Insel, die Greifswalder Oie genannt wird

Ackerbau

[A,B,C]   23M 270R

A  Hellberg  9M
B  Karkwik  4M
C  husfelt  10M 270R
alle von prächtigem lehmig-humosen Boden

Wiesenstücke

[Ertrag:] 1 Heufuder
D  12 Neben dem Hellbergfelt liegt ein kleines Wiesenstück mit gutem Weideboden und zu einem Teil mit Büschen bewachsen. Kann einen Fuder Heu geben.  75R 1 Heufuder

Wald undWeideland

E  13 ist Wald und Weideland, wovon ersterer aus Eiche, Hainbuche, Hasel, Esche, Ahorn und Schlehdorn, Äpfeln, Birnen und Ulmen sowie Linden besteht. Aber letzteres, nämlich das Weideland, aus prächtiger Weide und verdichtetem Lehmboden. Man muss diese genannten Teile zusammen verstehen, denn der Waldboden ist eine gute Weide.
Symbol 29  Schließe hierunter Hof- und Wegstellen ein, zusammen mit den Häusern sowie eine Süsswasserquelle mit der Signatur: a   58M 210R
F 14  sind Sandbrinke15  um dieInsel

Summe

Acker: 23M 270R
Wiese: 75R
Heufuder 1 Heufuder
Wald undWeideland: 58M 210R

 R 1086   U 961 

Annotationen zur Greifswalder Oie

Obwohl diese Insel vom Umfang ziemlich klein ist, so ist sie dagegen so viel fruchtbarer im Vergleich zu dem hier wenig vorhandenen Ackerland. Dieses wird jährlich besät und ist im übrigen Viehweide, dass Mensch und Vieh, die hier leben, reichlich ihr Auskommen finden. Doch obwohl das Vieh hier im Sommer sein Futter hat, muss es aber im Winter mit dem Futter ernährt werden, dass man woanders herholt. Aber die Leute können mit dieser Aussaat gut auskommen, wenn auch nach ihrer Aussage jeder nicht mehr als 18 Scheffel Sommer- und Wintersaat aussäen können soll. Aber man glaubt, dass jeder Morgen über drei Sch Aussaat bringen kann. Groß- und Kleinvieh sollen nicht viel über 30 Stück vorhanden sein. Schafe an die 50, Schweine gegen 40 und Gänse wohl 100, sowie sechs Pferde. Für das Vieh zum großen Schaden ist, dass das Land so hoch und steil ist, denn es fällt manches Mal herunter und bricht sich Hals und Beine; wie jetzt zwei Pferde, die während der Vermessung auf diese Weise umkamen. Fischerei ist vom Strand nicht viel möglich, denn er ist hier überall mit großen Steinen bedeckt, so dass man keine Schleppnetze verwenden kann; sondern was sie mit dem Netz auf See fangen können, ihr Ertrag besteht meist aus Lachsfang, den sie fast eine Meile auf See Nord und Nordost fangen zusammen mit allerhand anderem Seefisch. Heu gibt es nur für einen oder anderthalb Fuder aus dem Hellbergfelt. Das andere Land wird als Viehweide genutzt. Der Wald dient ihnen nur für Zaun- und Brennholz, sowie für ihre Schweine, wenn gute Mastjahre sind. Gesinde und Arbeitsleute gibt es bei jedem zwei, ein Knecht und ein Mädchen.

Bestandssignaturen: anzeigen
Übersetzung: 2008, Verena Schmidtke M.A.
Namen der Landmesser:
Hauptvermessung: Anders Jernström
Revision:
Anmerkungen:

1 Wurde laut Urschrift von Anders Jernstrröm vermessen.

2  Carl Gustaf Wrangel: Der bekannte schwedische Feldherr Carl Gustaf Wrangel wurde am 13. Dezember 1613 geboren, seine Eltern waren der Sohn des baltisch-stämmigen Adligen Hermann Wrangel und der Margareta Grip (eine Cousine Gustav II. Adolfs). Wrangel erhielt die übliche Ausbildung eines jungen Adligen jener Zeit, wozu auch die Bildungsreise in andere europäische Länder zählte. Nach Aufenthalten in den Niederlanden und Frankreich schloss er sich den schwedischen Truppen in Deutschland an und durchlief eine außerordentliche militärische Karriere. Schon 1645 wird er Feldmarschall, sechs Jahre später erhält Wrangel einen Grafentitel, im Jahr 1657 ist er Admiral und 1664 Reichsmarschall. Außerdem gehört er in der Zeit 1660-1672 zur Vormundschaftsregierung Karls XI. Als Generalgouverneur Schwedisch-Pommerns (1648-1650 und 1661-1676) übernimmt er die Mittlerfunktion zwischen dem schwedischen Reich und dem Kontinent, wobei es ihm gelang, recht unabhängig in seiner Position zu wirken - schon seine Zeitgenossen nannten ihn, wegen seines Auftretens einen "norddeutschen Prinzen". Neben seinen umfangreichen Besitzungen in Pommern, besaß der Feldherr auch u. a. große Anwesen in Schweden und Finnland, und wirkte als einer der großen Bauherrn seiner Epoche. Wrangels glanzvolle militärische Laufbahn endete1675 wenig ruhmvoll mit der Niederlage bei Fehrbellin, wo er der Oberbefehlshaber über die schwedischen Truppen war. Schwer krank starb er am 25. Juni 1676 auf seinem Sitz Spyker auf Rügen. Da er keine überlebenden Söhne hatte, vererbte Wrangel seinen umfangreichen Nachlass seinen Schwiegersöhnen.  Hofberg, Herman: Svenskt biografiskt handlexikon, Bd.II, Stockholm 1906, S. 746

3  Die Regierungsepoche der pommerschen Herzöge wird in der Beschreibung häufig als die herzogliche Zeit oder die Zeit der Herzöge bezeichnet und es bezieht sich auf einen Zeitraum vor 1637, dem Jahr, in dem der letzte pommersche Herzog Bogislaw XIV. kinderlos starb. Mit seinem Tod endete in Pommern die Zeit, in der es von einem Fürsten aus dem pommerschen Greifengeschlecht regiert wurde und die Schweden in den Gebieten westlich der Oder die Herrschaft übernahmen.  Wachowiak, Bogda: Das vereinigte Herzogtum Pommern (bis 1648). In: Piskorski, Jan M. (Hg.): Pommern im Wandel der Zeiten. Stettin 1999. S. 153 f.

4  Die Regierungsepoche der pommerschen Herzöge wird in der Beschreibung häufig als die herzogliche Zeit oder die Zeit der Herzöge bezeichnet und es bezieht sich auf einen Zeitraum vor 1637, dem Jahr, in dem der letzte pommersche Herzog Bogislaw XIV. kinderlos starb. Mit seinem Tod endete in Pommern die Zeit, in der es von einem Fürsten aus dem pommerschen Greifengeschlecht regiert wurde und die Schweden in den Gebieten westlich der Oder die Herrschaft übernahmen.  Wachowiak, Bogda: Das vereinigte Herzogtum Pommern (bis 1648). In: Piskorski, Jan M. (Hg.): Pommern im Wandel der Zeiten. Stettin 1999. S. 153 f.

5  Nachdem 1649 der letzte v. Jasmund aus der Linie Spycker verstorben war, verlieh Königin Christina das nunmehr heimgefallene Lehn an den Generalgouverneur von Schwedisch-Pommern, Carl Gustav Wrangel. Der Besitz [alt.: die Herrschaft Spycker] bestand aus dem Schloss und insgesamt fünf Gütern mit fast 40 dazugehörigen Ortschaften. Nach dem Tod Wrangels 1676 verwalteten die Erben seinen gesamten Besitz für die drei Töchter und eine Enkelin gemeinschaftlich, nur die Schlösser Skokloster und Wrangelsburg gingen an die Schwiegersöhne Nils Brahe (Graf von Visingsö) und Leonard Johan [schwedische Schreibweise!] Wittenberg. Nach dem Tod der mit Ernst Ludwig v. Putbus verheirateten Tochter Eleonora Sophia 1687 erfolgte die Aufteilung der Wrangelschen Güter; durch Losentscheid fiel die Herrschaft Spycker an Margareta Juliana, die mit Nils Brahe verheiratet war und neben Skokloster auch Spycker zum Fideikommiss der Familie Brahe machte.  Im Besitz der Brahes verblieben die Güter bis 1816. Jedoch waren sie nicht auf Rügen ansässig, so dass die Herrschaft Spyker in dieser Zeit teilweise verpachtet oder von Verwaltern bewirtschaftet wurde.  Ivo Asmus, Das Testament des Grafen - Die pommerschen Besitzungen Carl Gustav Wrangels nach Tod, förmyndarräfst und Reduktion, in: Gemeinsame Bekannte. Schweden und Deutschland in der Frühen Neuzeit, hg. von Ivo Asmus, Heiko Droste u. Jens E. Olesen (Publikationen des Lehrstuhls für Nordische Geschichte, 4; zugl. Geschichte. Forschung und Wissenschaft, 2), Münster/Hamburg 2003, S. 193-224.

6  Königin Christina verlieh 1643 das Gut Vorwerk mit seinen Ackerhöfen Groß Ernsthof und Spandowerhagen 1643 dem Herman Wrangel, dem Generalgouverneur von Livland für seine Dienste. Nach seinem Tode im selben Jahr erhielten es seine unmündigen Kinder aus dritter Ehe als Erbe. Seit 1649 verwalte Carl Gustav Wrangel die Güter und tauschte sie 1653 gegen seine Besitzungen in Livland ein. Um dem Gut Vorwerk einen repräsentativeren Charakter zu verleihen, benannte er es in Wrangelsburg um. Das Gut Nonnendorf u.a. mit dem Dorf Vierow war schon 1652 von dem Generalgouverneur gekauft worden.  Asmus, Ivo: Die pommerschen Besitzungen Carl Gustav Wrangels. In: Wernicke, Horst und Werlich, Ralf Gunnar (Hg.): (Pommern. Geschichte-Kultur-Wissenschaft. 3. Kolloquium zur pommerschen Geschichte. 13. und 14. Oktober 1993), Greifswald 1996, S. 131-133. Derselbe: Das Testament des Grafen-Die pommerschen Besitzungen Carl Gustav Wrangels nach Tod, förmyndarräfst und Reduktion. In: Asmus, Ivo, Droste Heiko (Hg.): Gemeinsame Bekannte: Schweden und Deutschland in der frühen Neuzeit, Berlin, Hamburg, Münster 2005, S. 204-f.

7  Jahrgeld: Dise Zahlung wird jährlich entrichtet. Wenn es eine regelmäßige Besoldung durch höher gestellte Personen ist, ist es eine Pension. 

8  Das Kopfgeld ist eine Personensteuer, eine Abgabe an die Obrigkeit, die jeder Einwohner zu entrichten hatte, wobei die Höhe der Abgabe sich nach dem jeweiligen Stand der Person richtete.  Krünitz, Johann Georg: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, Bd 44. Berlin 1788. Sp. 34ff.

9  Akzise, auch Verbrauchssteuer, war eine Steuer oder Abgabe, die dem Landesherren von allen ein- und ausgehenden Waren, die dem Unterhalt dienten, entrichtet werden musste.  Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 1 Leipzig 1732. Sp. 276f.

10 Die Greifswalder Oie gehört zum Kirchspiel Kröslin.

11  Johann Eichmann aus Greifswald, am 2. September 1658 in seiner Heimatstadt als Student immatrikuliert, war in Kröslin Pastor von 1682 bis 1726. 1715 wurde ihm Tobias rennert aus Gotha als Substitut gesetzt, der im Wechsel mit ihm die Predigten und die Beichte halten sollte. Rennert wurde vom Gehalt Eichmanns die Hälfte und von den Akzidentien ein Drittel zugesagt. Doch gerieten beide wegen der Gebühren in Streit. Rennert ging 1719 als Pastor nach Groß Zicker, Eichmann wurde 1723 wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt zu öffentlicher Abbitte verurteilt.  Krünitz, Johannes Georg: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, Bd. 24, Berlin 1790, Sp. 961

12 In der Urschrift Symbol: x.

13 In der Urschrift symbol Symbol 49  .

14 In der Urschrift symbol o.

15  Brink: ein grüner Platz ohne Bäume, in Holzungen, Feldrändern oder Wäldern.  Dähnert, Johann Carl: Platt-Deutsches Wörter-Buch nach der alten und neuen Pommerschen und Rügischen Mundart, Stralsund 1781, S. 55.